Newsletter ausdruckenTHEMA DES MONATS

17.07.2008

Illustre Unbekannte: Warum Bürger ihre Politiker nicht kennen

Wie aktuelle Studien zeigen, sind etliche Politiker dem Wahlvolk völlig unbekannt. Olaf Scholz? Laut „Stern” wissen gerade einmal elf Prozent der Deutschen, dass er an der Spitze des Ministeriums für Arbeit und Soziales steht. Brigitte Zypries? Annette Schavan? Ihnen ergeht es nur wenig besser – nur 22 bzw. 24 Prozent der Befragten konnten die beiden ihren Ressorts zuordnen.

Ein bedenkliches Ergebnis nach immerhin drei Jahren Großer Koalition. Viele sind zudem mit der Arbeit ihrer Regierungsvertreter unzufrieden. Nur vier Mitglieder der Bundesregierung finden mehr als 50 Prozent Zustimmung bei Bürgerinnen und Bürgern: Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück. Besonders hart trifft es Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, dicht gefolgt von Olaf Scholz, der auch hier schlechte Karten hat, wie das Meinungsforschungsinstitut Forsa für den „Stern” ermittelte.

Wie kommt es zu dieser viel beschriebenen Politikverdrossenheit? Warum haben Bürgerinnen und Bürger so wenig Vertrauen, so wenig Interesse, dass sie sich nicht einmal damit befassen, welcher Politiker welches Amt bekleidet? Von der sinkenden Wahlbeteiligung einmal ganz zu schweigen.

Die Herausforderung, Deutschland sicher durch die unruhigen Zeiten der Globalisierung und des demografischen Wandels zu führen, scheint die amtierende Bundesregierung nur unzureichend zu meistern. Die Menschen fühlen sich mit ihren ökonomischen und sozialen Problemen allein gelassen.

Die öffentlichen Diskussionen der regierenden Parteien über große Reformprojekte wie die Gesundheitsreform zeigen, dass es im Verhältnis zwischen Bürgern und Politik häufig an einer gemeinsamen Sprache mangelt – und an der Fähigkeit, komplexe Inhalte verständlich zu machen. Viel zu wenig gelingt es Politikern, Menschen persönlich anzusprechen, sie inhaltlich und emotional mitzunehmen. Informationskampagnen verkommen zur Inszenierung von Politik, traditionelle Wahlkampfmittel, Plakate, Flyer, werden nicht wahrgenommen. Ein echter Dialog zwischen Politik und Bürgern findet nicht statt. Eine glaubhafte Kommunikation bedarf neuer, direkter Kommunikationskanäle – und eines Dialogs, der Vertrauen schafft. Dank interaktiver Medien wie SMS, Internet, E-Mail, Brief oder Telefon gibt es wirksame Mittel, auf Augenhöhe mit den Bürgerinnen und Bürgern zu kommunizieren. Dass dies funktioniert, zeigt der US-Wahlkampf. Barack Obama hat es geschafft, durch persönliche Ansprache ganz neue Wählerschichten zu mobilisieren. Davon können wir in Deutschland eine Menge lernen – und den Dialog zwischen Wählern und Politikern ganz neu beleben!

Mehr zum Thema finden Sie auf unserer Website prodialog.org und im Sammelband „Endstation Misstrauen. Einsichten und Aussichten für Politik und Gesellschaft”, erschienen im Helios Media Verlag.

 
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